Fronleichnam – Und wenn man die Blumen
von erinnye
WENN man die Blumen auf den Feldern ließe und auf den Wiesen, wo Glockenblumen, Salbei und das blasslila Schaumkraut in den Himmel schauen, in allen lebenden Farben, und nicht in Körbe raffte, nur die Köpfe abreißend, denn die harten Stängel werden nicht gebraucht und auch nicht das Unscheinbar der Grünblättchen; in den Sammelgefäßen erschöpft sich Bunt; schon absterbend zu plumpen Blumenteppichen gelegt am Randsaum der Prozession: vor Grauhäuser, Verkehrsampeln und Kellerfenster oder auf moderatmende Lichtschächte, neben schreiende Geranienkübel und zur Höheren Ehre speiende Begoniennäpfe; die harthäutigen Asphaltgesichter der Madonnen mit den Blütenblättern rosafeister Gartenpfingstrosen nur ungeschickt verschminkt, und in den Augen picken knopfschwarz die Kerne der Sonnenbraut, Tauben flattern in Margeritenweiß und kommen nicht vom Boden, Lämmer verbluten welken Mohn;
was danach noch übrig ist stopft man in Kinderkörbchen und drückt die Henkel in unkundige Hände, auf dass über der Prozession Blüten fliegen oder lose Blätter, aber kraftlos gestreut fällt alles zu Boden vor das Murmeln und Kratzen der Füße von Monstranzträgern mit ihren konsekrierten Rundbroten, und in der Folge von den eingetakteten Nachbetern aufs Teer gequetscht und verrieben; aus der Ferne raunt noch die Prozession, während auf dem Asphalt ausgelaugte Blattrippen kriechen neben kaum wahrnehmbaren Abdrücken in Blau und Blasslila und Grün;
wenn man die Blumen auf den Wiesen gelassen hätte, ja, dann hätte man sie wohl nicht gesehen.
Ja, Blumen sind nicht dafür da, dass auf ihnen rumgetrampelt wird, nicht mal von Ordensträgern.
Du meinst Ornate oder so?
Ich meinte Ornatsträger!
Nein, Ornatsträger wäre hier passend!
In einem Internetforum, in dem ich aktiv bin, gibt es derzeit viel technischen und anderen Ärger, doch wie um den zu vertuschen, werden Orden an einige very important Teilnehmer verteilt. Das war wohl in meinem Hinterkopf und daher kam ich versehentlich auf die Ordensträger… Ja ja, das Unterbewusstsein macht manchmal, was es will…
Ach so, dachte schon, Du hättest Ärger mit einem bischöfl. Ordinariat (ich wohne praktisch direkt neben einer kleinen Bischofsstadt, da ist das bischöfl. Ordinariat wichtig, u. a. großer Arbeitgeber…
Zum Glück habe ich damit keinen Ärger, doch hier in Freiburg haben wir auch eins, über das ich mich letztes Jahr in einem Beitrag, der aber nicht hier erschien, ein wenig lustig gemacht habe…
Ich meinte natürlich Monstranzträger, sorry, leide zurzeit massiv unter Ordens-Verfolgungswahn…, dann gab es offenbar eine Assoziation an Ordinariat und so…
Ordinariat: auch gut
Psst bei der Hochzeit kommt auch ein Blumenmädchen und streut den Weg…..
Hm, da ist es was anderes, da ist es ausnahmsweise legitim
Prozessionen, und alles darum herum, ist uns so fremd. Vielleicht haben wir mal einen Ausschnitt davon gesehen. Dein Text ist auch daher eine Bereicherung, zumal er uns sprachlich gut gefällt. Wiesenschaumkraut, von uns als Zwölfjährige arg begehrt und gepflückt, wurde zu großen Sträußen gebunden; die zartlila Blüten ließen ihre Köpfe hängen, nachdem der Strauß in den Fahrradkorb gelegt und erst nach dem langen Nachmittag wieder herausgeholt wurde. Die Mütter stellten sie in Vasen, aber die Köpfchen hebten sie nicht mehr.
Nun ja, die Prozession ist ja nicht wirklich beschrieben; es ging mir um die Blumen…..
Ja, das Wiesenschaumkraut ist glaube ich auch hier ein Anachronismus, denn es blüht früher als Fronleichnam, glaube ich und es hält ja definitiv nicht. Aber ich finde es eben halt so schön… auf der Wiese
Der Opfergedanke hat sich mir noch nie erschließen mögen, aber anscheinend beziehen sämtliche Glaubenssysteme der Welt das mit ein.
Ich sehe unglaublich gern (habe es auch schon live in Indien erlebt) dieses achtsame Blumen- oder Räucherstäbchen opfern der Hindus in ihren Tempeln oder vor ihren Hausaltären. Was ich nicht mag sind diese Blumenteppiche (gibts ja bei Euch nicht) oder das Hinwegtrampeln über Blumen….
Hallo Erinnye!
Dein Text hat bei mir auf einen Knopf gedrückt.
Da wo ich herkomme und aufgewachsen bin, erzkatholisch geprägte Gegend, wurden in meiner Kindheit die katholischen Kinder, so auch meine Frau, auf Wildwiesen “ausgesetzt”, den gesamten tagelang, um die Wildlumen zu pflücken. Ich als protestantischer Außenseiter nahm dies staunend, mit Distanz und heilfroh zur Kenntnis. Die vielen Wäschekörbe, gefüllt mit Blüten, wurden im kalten, dunklen Keller der Häuser aufbewahrt.
Es steckte so viel kindliche Energie in ihnen.
Am Tag der Prozession durchschritt der Monstranzträger das schmale Blumenfeld, den Blumenstreifen, und zerstörte ohne Rücksichtnahme das mit soviel Liebe und Energie geschaffene Blumenband. Dies war sein absolutes Zeichen von Macht, zeigte die geringer Wertschätzungen den Menschen und ihrer Arbeit gegenüber und war ein Hinwies auf das, was der katholischen Kirche wohl wichtig war.
Hier, an diesem, und natürlich auch an anderen Punkten, begann meine kirchliche Distanzierung.
LG Juergen
Hallo Jürgen, für diese Geschichte bedanke ich mich sehr, ich stelle mir gerade die Wäschekörbe voller Wildblumen vor….. Und das der Monstranzträger wirklich MITTEN durch den Blumenteppich geht, habe ich so noch nicht gesehen, ist ja furchtbar, vielen Dank, ich freue mich ja immer über weitere Assoziationen!! (Beispielsweise hatte ich auch vor Puzzles Kommentar nicht an die Hindublumen gedacht) LG
Gerne!
Juergen
GuggschDuhier:
Mittenmang über die Blumenteppiche…
http://www.huefingen.de/ceasy/modules/cms/main.php5?cPageId=180
Ich kenn das noch von Oma und Mutter aus meinem kleinen Geburtstort im Schwarzwald. Tagelang Blütenzupfen und Blumensammeln für ein paar Schritte vor den Prozessionsaltären. Und weg damit, “Gottes Schöpfung” landet auf dem Kompost.
Oh, stimmt, danke für den Link! (Bei uns waren sie halt sparsam, vielleicht weiß ich es aber auch nicht mehr richtig. Und das mit den Wäschekörben hatte ich mir auch vorher nicht klargemacht, wenigstens DARAN mussten wir uns nämlich nicht beteiligen …..Ich finde die Blumenteppiche schrecklich, kann gar nicht nachvollziehen, dass Menschen da so viel Energie investieren.
Sterben zum Zwecke der Verherrlichung!
Dein Beitrag spricht mir aus der Seele, Erinnye.