Zeitzeugen – geriatrische Vorhölle II
von erinnye
Wir werden alles können. Mit unseren vergichteten Fingern werden wir auf breittastigen Handys herumdrücken und Greisennotebooks betatschen, extra für uns produziert, unsere Blasen werden wir barrierefrei zu den Toilettenhochsitzen schleppen können, die Beine in silberionigen Diabetikerstrümpfen. Wir werden unseren Stuhlgang anbeten, gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes, und aus unseren Medikamentenschachteln Hausaltäre bauen, voll der Gnade. In unseren bärlauchigen Gesichtern wird die Genugtuung eingewurzelt sein, alles verdient zu haben, weil wir alles bezeugen können, wir waren schließlich Teil der Zeit.
Mit unseren Lebensglück werden wir diskret umgehen und auch mit eventuellen Haartransplantaten. Als Kronzeugen geben wir auf Phoenix Dauerauskunft, wie das so war als Hitlers Nachttopfassistent oder Görings Kopfkissenentmilber, wie wir im Flieger neben Helmut Kohl gesessen haben, der aß ein Mettbrötchen. Wir haben uns gemeinsam mit Königin Margarethe in Wackersdorf an einen Hydranten gekettet und neben Helmut Schmidt in Kuala Lumpur am Pissoir gestanden, aber Opus Live is Live im Carlton war auch schön, damals, mit der Tatjana oder dem Bernd.
Maiglöckchen finden wir gut und Rasenmäher und das Wort “VITAL”, ab und zu werden wir das V artikulieren wie Fisch oder Viel oder andere Wörter mit Fi, DANN wird es anfangen:
Wir werden an unseren Altersspielzeugen herumfummeln und unsere Namen vergessen haben, ääääääääi werden wir schreiben oder blllllllllllll, aus unseren fibrillären Neuroplaques wird Zweifel keimen wie Radieschen in der Hydrokultur: Sind wir Zeugen oder Angeklagte? Eine Terminierung zur Hauptverhandlung erfolgt wegen fortgeschrittener Verhandlungsunfähigkeit nicht, daher werden wir entlassen.
Auf unseren Gräbern wird man pflegeleichte Bodendecker anpflanzen oder schneckenresitente Begonien.

Bedrückend.
Ist doch so.
Irgendwie passt der Artikel grade wie die Faust aufs Auge. In meinem persönlichen Umfeld siechen die Menschen gerade dahin, lassen sich Ersatzteile implantieren, bemühen alle naslang die Notambulanz und den Rettungswagen. Herjeh – die sind alle nicht mal 60 Jahre alt. Wo soll das denn noch enden ?
Frage ich mich auch, wo wir doch immer älter werden. Irgendwann werden wir auch sehr sehr selbstbezogen sein. Und die Zeitzeugen: Sie nerven mich einfach, das ist aber völlig subjektiv.
Guido Knopp hat die Zeit”zeugen” inflationär inszeniert und damit ruiniert. Ich finde normale Menschen durchaus spannend, die sich an wirklich wichtige Dinge lebhaft erinnern können, ohne sich selbst dabei zu heroisieren.
Hm es stimmt wohl, dass sie inflationiert worden sind.
Aber teilweise finde ich diese subjektiven Darstellungen einfach abstoßend, wie das so war bei der SS oder dergleichen. Oder rührselige Geschichten, dass man flüchten musste (was natürlich schlimm war), aber das kälbchen zurücklassen, das guckte so traurig, und diese Schilderungen finde ich extrem ärgerlich. Kälbchen.
Es wird immer “sodde und sodde” geben. Ich wünschte mir, meine Mutter würde mehr davon erzählen, wie das Leben in dem Dorf war, in dem ich groß geworden bin – und in dem bis 1939 die Hälfte der Einwohner jüdisch war.
Also erstens ist der Text halt polemisch, ich bin ja keine Altenhasserin oder Menschenfeindin. Und es ist ja wichtig, dass erzählt wird. Aber gegen gewisse Zeitzeugen auf Phoenix habe ich Aversionen. Die einzige, die mich beeindruckt hat, war die Hitlersekretärin Traudl Junge, die hat nämlich gesagt, sie hätte es besser wissen können. Derartiges habe ich noch von keinem anderen medialen Zeitzeugen gehört.
Die schaurige Konsequenz aus dem festen Glauben, daß Gesundheit das höchste Gut ist und Tod unbedingt zu vermeiden.
Als meiner Mutter ein Herzschrittmacher nahegelegt wurde, lehnte sie ab mit den Worten: “Dann gibt es ja gar nichts mehr, woran ich mal sterbe.” Und sie war immer ein lebensfroher Mensch. Ich glaube, das hat unmittelbar miteinander zu tun – sich des Lebens freuen (nicht nur der nächsten Serie oder des nächsten altersgerechten Urlaubs) und akzeptieren, daß es endlich ist.
Sollte übrigens jemals jemand schneckenresistente Begonien oder ähnliche Scheußlichkeiten auf mein Grab pflanzen, werde ich ihm mitternächtlich erscheinen als zähnefletschender Alb.
Das stimmt, hatte erst gestern ein interessantes Gespräch mit einer überhaupt nicht “alten” Dame darüber, sie sei 78 und eigentlich sei es ihr egal, es wäre ok, wenn sie jetzt stirbt. Viele Alte sind aber extrem anders: Jeder abgebrochene Fingernagel ist unmittelbar Lebensbedrohend und muss notärztlich behandelt werden.
Vermutlich werden wir auf Nachsicht angewiesen sein und diese, wenn wir Glück haben, auch erfahren.
Ich denke, jeder ist auf Nachsicht angewiesen, glaube aber nicht, dass uns noch viel Nachsicht zuteil werden wird, insoweit ist der Text natürlich eigentlich falsch, denn in 20 Jahren wird es Minimalversorgung und Minimalnachsicht geben,.
Aber das Schöne ist ja, liebe Iris, das muss ich hier noch anfügen, dass man mit steigendem Alter offenbar sehr sehr nachsichtig mit sich selbst wird (und glaube(n)( Sie) mir, ich weiß, wovon ich rede.
Diese Erfahrung mache ich ebenfalls. Das Älterwerden hat also durchaus seine guten Seiten.
Liebe Iris, das ist es, was ich an Ihren Kommentaren so schätze: die kluge Gelassenheit, die daraus spricht, und meistens bringen sie mich auch wieder von meinem Ärger runter, denn leider ist Gelassenheit eine Eigenschaft, die ich nicht besitze und hätte ich nicht diese Woche zufällig die ebenfalls sehr gelassene 78-jährige Dame getroffen, die Mutter meines sehr geliebten Kinderfreundes, wäre dieser Text noch ganz anders ausgefallen.
Liebe erinnye, und ich schätze gerade das “Ungelassene” an Ihren Texten (es steckt ja gar nicht in allen); man braucht doch irgendwie ein Gegengewicht.
Da hast Du einiges in mir aufgerissen, das ich glaubte, vergessen zu dürfen / müssen!
Aber ja, so ist es. Gnadenlos so.
Ach liebe Vallartina, das wollte ich nicht, vielleicht habe ich es nur aus Eigennutz zur Frustrationsbewältigung geschrieben.
Die Umbrüche und die Veränderung der Persönlichkeit und des Geistes bei vielen von uns sind schwer zu ertragen. Mein ältester Kunde (85) für grössere Projekte ist zwar nicht mehr so schnell auf den Füssen, aber im Kopf immer top klar. Er kann nach dem Vortragen von verschiedenen Aspekten der Entscheidungen und der Diskussion immer eine klare richtungsweisende Entscheidung treffen und er bleibt bis zum Abschluss dabei. Mein Vorbild, bloss man kann es leider nicht beeinflussen.
Es ist gut, wenn man Altersvorbilder hat. Sinn des Artikels ist (neben zugegebenermaßen auch enthaltener Frustrationskompensation) einfach die Erkenntnis, dass WIR nicht anders sein werden als die heutigen Alten, wir werden genau die gleich Vergötzung unserer Wehwehchen betreiben und uns als Zeitzeugen gerieren, wir werden aber nichts bewirkt haben, blind und eigennützig sind wir durch die Zeit gegangen, das beste, was wir noch bewirken konnten ist eine gute Erwerbsbiographie, die uns eine erträgliche Rente sichert. NACH uns wird die Sintflut kommen.
Du sprichst für mich den (Linsen)Kern an, der mich gerade aus der Spur geworfen hat… Ach, mir fehlt auch viel zu oft die Gelassenheit, liebe Erinnye!
Liebe Karin, DUUUU doch nicht (nur ein bisschen?) Jedenfalls wirst Du nicht polemisch
Wenn ich schon Deine Gelassenheit hätte, wäre ich froh.
Görings Kopfkissenentmilber, herrlich.Du solltest Streiflichttexterin bei der Süddeutschen werden!
Danke Susanne, ich befürchte, da gäbe es andere, die das besser könnten
Eine skurrile, satirische Frage habe ich noch: Schau bitte in den Kragen Deiner Blouse oder Jacke? Steht Dein Name hier drin eingenäht? Ja, dann bist du schon im Heim.
Äh, nein, vermutest Du, ich schreibe aus einer Art Anstalt? Die Alten, die ich kenne, befinden sich eigentlich (überwiegend) gar nicht im Heim.
Eine bedrückende Vorstellung, erinnye, und doch enthält sie viel Wahrheit. Dennoch mag ich mich nicht so vorstellen im Alter, ich glaube sogar fest daran, nicht so zu werden. Vorbilder habe ich normalerweise keine, aber es gab eine ehemalige Nachbarin, die vor drei Jahren mit 93 gestorben ist und die ich sehr mochte. Sie konnte zum Schluss kaum noch außer Haus gehen, weil sie immer schlechter sehen konnte und eine Augen-OP aus medizinischen Gründen nicht möglich bzw. zu gefährlich war. Am schlimmsten für sie war aber, dass sie auch mit Lesegerät kaum noch lesen konnte; Lesen war ihre Lieblingsbeschäftigung. Doch obwohl das ihre Lebensfreude sehr minderte, wie sie mir manchmal erzählte, jammerte und klagte sie nicht. Natürlich hatte sie auch andere Zipperlein, aber sie machte sich darüber allenfalls lustig und war sich immer der Tatsache bewusst und dafür dankbar, für ihr Alter doch noch sehr fit zu sein, vor allem geistig. Sie ließ sich nie gehen, munterte mich sogar auf, als ich in einer unsicheren Phase war und gab mir Wichtiges mit auf meinen weiteren Weg. Wenn ich ein Vorbild fürs Alter habe, dann in ihr.
Ich glaube nach einiger Überlegung, auch zu diesem Artikel, dass es ohne Altersvorbilder irgendwie gar nicht geht (meines ist definitiv meine Oma). Bin aber nicht sicher, ob das ausreicht. Schlimm finde ich einfach dieses einerseitige Verharren in einer käferartigen geistigen Erstarrung, nie irgendeine Position mal kritisch hinterfragen können und andererseits dann dieser Rückzug ins Infantile. Ich glaube, wenn man nicht beizeiten beginnt, sich eine eiserne geistige (und vielleicht auch physische) Disziplin aufzuerlegen, wird man so. Und DAS zieht die Mitwelt einfach runter, so weit, dass man sich das als Außenstehender gar nicht vorstellen kann.
Das hört sich so an, als würdest du solche Älteren aus der Nähe kennen, erinnye. Sicher bin ich da Außenstehende und kann keine eigenen Erfahrungen einbringen. Ich denke aber oder hoffe es wenigstens, dass Menschen, die in jüngeren Jahren geistig beweglich, offen und neugierig sind (also zum Beispiel du
), sich das auch später bewahren und nicht Gefahr laufen, geistig zu erstarren. Eine gewisse physische Disziplin kann aber sicher nicht schaden, da stimme ich dir zu.
Die Welt will Heiterkeit, rotewelt.
In Form von alberner “Volksmusik” und Schunkelei? Wenn man das Abendprogramm im Fernsehen so sieht, vor allem an Samstagen, glaubt man tatsächlich, die Welt bestünde aus geistig Debilen…
Nicht nur da.
Das ist es ja — die Welt ändert sich, wir Menschen nicht. Und ob sie dann ihren genervten Enkeln von Krankheiten und vom Krieg erzählen oder auf Facebook, ist letzlich auch egal. Es ist gut, sich da etwas vorzunehmen, selbst wenn man’s vielleicht dann doch nicht mehr in der Hand haben wird.
Ich fürchte, die meisten werden so. Ich nehme mich da gar nicht aus.