Zeitzeugen – geriatrische Vorhölle II

von erinnye

Massimo Listri, Heidelberg (La Lettre de la Photographie)

Wir werden alles können. Mit unseren vergichteten Fingern werden wir auf breittastigen Handys herumdrücken und Greisennotebooks betatschen, extra für uns produziert, unsere Blasen werden wir barrierefrei zu den Toilettenhochsitzen schleppen können, die Beine  in silberionigen Diabetikerstrümpfen. Wir werden unseren Stuhlgang anbeten, gebenedeit ist die Frucht Deines Leibes, und aus unseren Medikamentenschachteln Hausaltäre bauen, voll der Gnade.  In unseren bärlauchigen Gesichtern wird die Genugtuung eingewurzelt sein, alles verdient zu haben, weil wir alles bezeugen können, wir waren schließlich Teil der Zeit. 

Mit unseren Lebensglück werden wir diskret umgehen und auch mit eventuellen Haartransplantaten. Als Kronzeugen geben wir auf Phoenix  Dauerauskunft, wie das so war als Hitlers Nachttopfassistent oder Görings Kopfkissenentmilber, wie wir im Flieger neben Helmut Kohl gesessen haben, der aß ein Mettbrötchen. Wir  haben uns gemeinsam mit Königin Margarethe in Wackersdorf an einen Hydranten gekettet und neben Helmut Schmidt in Kuala Lumpur am Pissoir gestanden, aber Opus Live is Live im Carlton war auch schön, damals, mit der Tatjana oder dem Bernd.

Maiglöckchen finden wir gut und Rasenmäher und das Wort “VITAL”, ab und zu werden wir das V artikulieren wie Fisch oder Viel oder andere Wörter mit Fi, DANN wird es anfangen:

Wir werden an unseren Altersspielzeugen herumfummeln und unsere Namen vergessen haben, ääääääääi werden wir schreiben oder blllllllllllll, aus unseren fibrillären Neuroplaques wird Zweifel keimen wie Radieschen in der Hydrokultur: Sind wir Zeugen oder Angeklagte? Eine Terminierung zur Hauptverhandlung erfolgt wegen fortgeschrittener Verhandlungsunfähigkeit nicht, daher werden wir entlassen.

Auf unseren Gräbern wird man pflegeleichte Bodendecker anpflanzen oder schneckenresitente Begonien. 

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